Architektur Galerie Berlin

Bauwelt 45 / 2013 Form und Funktion folgen dem Klima

Franck Hofmann

Dieser Ort ist ein Glücksfall, um Philippe Rahms Bemühungen um eine grundlegende Erneuerung der Architektur vorzuführen. Wird doch die Galerie selbst Teil der Präsentation: Eine Lichtinstallation verwandelt ihre Schaufenster in Screens, auf denen sich der radikale Angriff des Architekten auf die gängigen Konzepte von Raum ablesen lässt. Doch dazu gleich.

Form und Funktion folgen dem Klima! So ließe sich die Devise dieser Architektursprache beschreiben, die sich genauso gegen ornamentale wie gegen funktionale Architektur richtet und darauf setzt, poetische Qualitäten neuer Konstruktionstechniken für Licht-, Klima- und Temperaturmodulationen bei der Gestaltung von Raum zu erkunden. „Constructed Atmospheres“ heißt die Schau in der Architektur Galerie Berlin. Erstmals werden Arbeiten von Philippe Rahm (Jahrgang 1967), der sein Büro in Paris betreibt, in einer Ausstellung in Deutschland gezeigt.

Rahm geht es um nicht weniger als darum, Architekten in die Lage zu versetzen, sich endlich tatsächlich mit dem Raum, also mit den „Leerräumen“ und deren Atmosphären zu beschäftigen, sei es ihnen bislang doch nicht möglich gewesen, „diese Räume anders zu definieren, als durch das Entwerfen der sie umgebenden Hülle“. Das eigentliche Wissen um die Komplexität des Innenraums habe Architekten immer gefehlt.

Im Zentrum des Galerieraums ruht ein DIN-A-0 großes Buch auf einem weißen Sockel. Unterteilt in die drei Kapitel Invisible Space, Meteorological Architecture und Thermodynamic City, lassen sich hier alle Arbeiten Rahms seit 2005 studieren, die sich mit den meteorologischen Aspekten von Raum beschäftigen. Viel Platz nimmt die bislang größte geplante Realisierung seiner Ideen ein, das Projekt für den 69 Hektar großen Jade Eco Park in Taichung in Taiwan; Baubeginn soll im nächsten Jahr sein.

Für den Austellungsraum der Architektur Galerie Berlin hat Rahm eine Atmosphäre konstruiert, 
die angesiedelt ist am Übergang vom Dauerhaften zum Flüchtigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren und – wie das programmatische Manifest des Architekten betont – von einer „metrischen zu einer thermischen Komposition“.

Im Zusammenspiel mit dem Tageslichtverlauf tauchen zehn an die Decke montierte farbige Neonröhren die Galerie in eine gespannte Stimmung zwischen einem magenta-farbenen Wärme- und einem blau-strahlenden Kältepol. Das Farbenpaar (das sich im Übrigen auch durchgängig in Rahms Skizzen und Entwürfen in dem groß­formatigen Buch findet) scheint dabei aus dem Raum selbst empor­zusteigen.

Beim Blick hinaus wird der Straßenraum durch farbige Linien neu gegliedert: Spiegelungen der Ne­onröhren im Fensterglas verlängern die Lichtinstal­lation in den Berliner Winterhimmel. Und der Blick von draußen auf die Schaufensterfront lässt die kni­sternde Spannung sichtbar werden zwischen dem 
realsozialistischen Neoklassizismus der Karl-Marx-Allee und einem Raumkonzept, das nicht Wand, Boden, Säule und Fassade als Material von Architektur begreift – sondern Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

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