Architektur Galerie Berlin

Bauwelt 4.2018 Weiterbauen nicht möglich – Wiewiorra Hopp Schwark in der Architektur Galerie Berlin

Jan Friedrich

Ein Finanzamt zu erweitern, sollte Architekten eigentlich nicht vor ganz grundsätzliche Fragen stellen. Es sei denn, das Finanzamt steht in direkter Nachbarschaft zum KZ Sachsenhausen. Und der Altbau, den es zu erweitern gilt, ist der ehemalige Sitz der „Inspektion der Konzentrationslager“, der zentralen SS-Verwaltungs- und Führungsbehörde für alle KZ. In diesem Fall wird die Aufgabe Finanzamterweitern überlagert von der Frage: Wie baue ich an einem derart kontaminierten Ort? Die Antwort, die das Berliner Büro Wiewiorra Hopp Schwark mit DeZwarteHond aus Holland gefunden hat, ist bald in Oranienburg zu begutachten; der Neubau wird gerade fertig.
Die Architekten haben sich entschieden, dass sie ein solches „Tätergebäude“ in keiner Weise weiterbauen können. So nimmt der Neubau weder städtebauliche noch architektonische Bezüge des Altbaus auf. Die Autarkie des Hauses wird mittels einer optischen Täuschung, einer Café-Wall-Illusion, überhöht: Durch die gegeneinander verschobenen Fassadenöffnungen erscheint die horizontale Gliederung nicht parallel. Den Architekten geht es mit diesem „Ich gehöre nicht dazu“-Signal nicht darum, gleichsam ihre Hände in Unschuld zu waschen. Ihre Absicht ist es vielmehr, Besucher und Passanten darauf aufmerksam zu machen, dass an diesem Ort etwas nicht stimmt. Dass dort viele Fragen zu stellen sind.
Ähnlich gehen Wiewiorra Hopp Schwark bei ihrer Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin vor. Ein begehbares 1:8-Modell des Erweiterungsbaus aus Gipskarton bildet die Ausstellungsarchitektur. Es steht schräg in der Galerie, so ohne Bezug wie der Erweiterungsbau in seinem Umfeld. Mit einem Lageplan, einem Text, dem Foto eines Fassadenausschnitts, einer abstrakten Darstellung der Café-Wall-Illusion und einigen weiteren Hinweisen erschließt sich dem Ausstellungsbesucher das Projekt nicht vollumfänglich. Aber die Schau macht derart neugierig auf das Haus, dass man sofort nach Oranienburg fahren möchte. Den Kopf voller Fragen.

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