Artec Ockham ist schärfer als Mies

Ausstellung
Artec: Wohnhaus Tokiostraße, Wien (im Bau),

Artec: Wohnhaus Tokiostraße, Wien (im Bau)

Das Sparsamkeitsprinzip des Spätscholastikers Wilhelm von Ockham, das in dem berühmten Satz Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem („Entitäten sollen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“) kulminierte und im Ausspruch von „Ockhams Rasiermesser“ Popularität erlangte, kann für die Haltung von Artec Architekten als programmatisch angesehen werden. Ihr Anspruch, überflüssige Elemente eines Projekts zu entlarven und radikal „wegzurasieren“, wird in vielen ihrer Bauten manifest. Ohne den reduktionistischen Dogmen der Moderne zu erliegen, versuchen sie im Prozess des Weglassens den konzeptuellen Kern, den Raumgedanken eines Projekts zu präzisieren – für Bettina Götz und Richard Manahl das einzig tragfähige Element von Architektur. Mit elaborierten Oberflächen und Details wollen sie sich nicht unnötig aufhalten, ihr Augenmerk liegt auf der konstruktiv-räumlichen Grundidee eines Projekts, die „im Groben“ stimmen muss, auf dass sich daraus eine Stimmigkeit im Feinen von selbst ergäbe. In der Umsetzung ihrer Projekte zeigen sie eine der Moderne verpflichtete Affinität zu „ehrlichen“ Werkstoffen, die im Inneren sind, was sie äußerlich scheinen. Formfindung um ihrer selbst willen liegt ihnen ebenso fern wie die selbstvergessene Fügung in das, was es schon gibt. Die mit geschärftem Rasiermesser bloßgelegte Architektur kann oder muss sich daher zu ihrer Umgebung gleichermaßen fremd wie vertraut verhalten. Der auf einen bestehenden Bauernhof aufgesetzte Raum Zita Kern, mit dem Artec Architekten 1998 international reüssierten, und die Apotheke zum Löwen von Aspern in Wien-Donaustadt von 2003 sind gute Beispiele für diese reizvolle Dichotomie zwischen der Distanz zu gegebenen Verhältnissen bei gleichzeitiger Anerkennung der Welt „so wie sie ist“.

— Gabriele Kaiser

Für die Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin haben Artec Architekten zwei aktuelle Projekte ausgewählt: das Terrassenhaus Tokiostraße, sowie den Eingangspavillon für das Kaiser Franz-Josef Spital in Wien. Ergänzend zu den in Arbeitsmodellen veranschaulichten Raumkonzepten gibt eine Collage realisierter Projekte Einblick in das vielfältige Schaffen des in Wien ansässigen Architekturbüros.

Bettina Götz in diesem Jahr Kommissärin für den österreichischen Pavillon auf der 11. Architekturbiennale in Venedig, ist seit 2006 Professorin an der UdK in Berlin.