Architektur Galerie Berlin

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Berliner Zeitung Träume aus rostigem Stahl – Die kühnen Entwürfe des Architekten Simon Ungers

Tomasz Kurianowicz

Ulrich Müller hält nichts von starren Kategorien. Mit der Kombination aus Kunst und Architektur schlägt der Galerist die Brücke zwischen zwei benachbarten und sich doch viel zu zaghaft berührenden Disziplinen, um auf die künstlerische Qualität von architektonischen Ausdrucksmitteln hinzuweisen. „Mich interessiert die ästhetische Erscheinung“, betont der ausgebildete Architekt, der in einer jüngst eröffneten Ausstellung das Werk des deutschen Architekten Simon Ungers würdigt.

Während er die schweren, rostigbraunen, von Ungers eigenhändig produzierten Modelle betrachtet, erklärt er die Implikationen der Entwürfe, die in ihrer ästhetischen Wirkung die modellhafte Funktionalität überragen. „Ungers war ein Mann, der sich als Doppelgänger verstand: er arbeitete als Professor an amerikanischen Universitäten und in der Praxis als Architekt. Er war ein Grenzgänger, der in allen Disziplinen Anerkennung erfuhr: auf Seiten der Architektur wie auf Seiten der Kunst.“

Die Modelle sind ein Beleg für jenen Spagat, den der Architekt Zeit seines Lebens riskierte: Seine Entwürfe zielen auf den ästhetischen Effekt, ohne ihre technisch-illustrative Dimension zu verlieren. „Ungers‘ Arbeiten sind nicht nur Modelle, sie sind auch Skulpturen“, sagt Ulrich Müller. Auf diese Weise kommentieren die Exponate gleichermaßen die Ambition der Galerie: Auch sie will zwischen Kunst und Architektur vermitteln.

Die teilweise bis zu 100 Kilogramm schweren, rostigen Stahl-Entwürfe des 2006 verstorbenen Architekten sind Experimente, die das architektonisch Machbare bis an die Grenze des Möglichen treiben. Die ausgestellten Modelle, Visualisierungen von vier nie verwirklichten Museumsgebäuden, krakeln sich mit scharfen, spitzen Kanten in die Höhe. Die massiven, sich in rechteckigen S-Kurven in die Luft windenden und überraschend die Richtung wechselnden Fassaden verweigern sich dem pragmatischen Verlauf konventioneller Bauten. Ungers wählt eine andere Strategie: Er verstrickt seine filigrane Linienführung mit der Massivität der Konstruktion. Wie in überhöhten Versuchsanordnungen widersetzt er sich den Gesetzen der Schwerkraft.

Seine utopischen Exerzitien sind so unkonventionell und mutig, weil sie nicht den Vorstellungen eines Bauherren entsprechen, sondern Schöpfungen aus dem freien Gedankenreservat eines Ästhetizisten sind. Ungers fordert den Verstand heraus, um über das tradierte Raumgefühl nachzudenken. Zudem müssen seine Entwürfe keinen pragmatischen Kriterien standhalten, denn sie sind das Ergebnis eines künstlerischen Schaffensprozesses ohne den Anspruch, wirklich gebaut zu werden.

Dieser ästhetischen Ausrichtung ist auch Ulrich Müllers Galerie verpflichtet. Insofern hätte er sich, wie er sagt, keine bessere Lösung wünschen können, um seine Tätigkeit als Galerist in den Exponaten gewürdigt und gespiegelt zu sehen. Die Beschäftigung des Galeristen mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Architektur begann vor zehn Jahren in Leipzig. Irgendwann knüpfte er die notwendigen Kontakte, um von der konzeptionellen Kunst, die er verkauft, und von den Ausstellungen, die er durch Sponsorengelder finanziert, zu leben. Es ist die Erfolgsgeschichte eines Getriebenen. Mittlerweile hat sich sein auf Nischenprojekte kaprizierter Werkraum, der sich nur mit der Architekturgalerie Aedes vergleichen lässt, einen Namen erarbeitet. Das ist vor allem den spektakulären, kühnen und kreativen Ausstellungen zu verdanken, die Ulrich Müller mit dem Blick für das Artifizielle kuratiert. Anfang des Jahres 2008 organisierte der Galerist eine Schau über die Temporäre Kunsthalle Berlin nach dem Entwurf des Architekten Adolf Krischanitz, der sich dazu entschlossen hat, die Außengestaltung des Gebäudes anderen zu überlassen. Deshalb gab Ulrich Müller nach der Auslobung des Krischanitz-Entwurfs, den böse Zungen mit einem Ikea-Kasten vergleichen, acht Künstlern die Möglichkeit, die Fassaden des kartonähnlichen Baus künstlerisch zu gestalten. Die farbig-chaotisch bis minimalistisch-zurückhaltend produzierten Modelle stellte Müller in seiner Architekturgalerie aus und vereinte damit den künstlerischen Anspruch der Auftraggeber mit den formalen Aspekten der Architektur. Dabei ermöglichte die Zurückhaltung des Architekten die Symbiose aus Kunst und Konstruktion: „Krischanitz hätte auch sagen können, dass er autonom über die Außengestaltung entscheidet. Doch er nahm sich zurück.“ Mit diesem erfolgreichen, die Provokation bewusst einkalkulierenden Konzept will Ulrich Müller auch in Zukunft die Architekturdiskurse prägen.

In Berlin stellte Müller, der seine Galerie als „One-Man-Show“ beschreibt, erst in der Ackerstraße aus. Doch die vielen Touristen und das profillose Nebeneinander-her-Existieren von mehr als 400 Galerien ertrug der 43-Jährige nicht. Er suchte lange nach einem neuen, geeigneteren Ort – bis er auf die Räume in der Karl-Marx-Allee stieß. Die breite Fensterfront seiner Galerie, das einwirkende Licht und die beeindruckende, jedem Architekten aus dem Studium bekannte Umgebung der Zuckerbäckerbauten überzeugten ihn, dem chaotischen Treiben in der Ackerstraße den Rücken zu kehren. Der Erfolg spricht für den Umzug: Die Eröffnung, die vom Architekturexperten Oliver Elser eingeführt wurde, zog ein breites Publikum in Müllers Architekturgalerie.

Jetzt darf sich Ulrich Müller über den Ansturm freuen, während er von der Mitte des Ausstellungsraumes Ungers‘ Exponate betrachtet. Er zeigt auf das „Art City“-Modell von 2005 (1:150), aus seinem Mund entschwindet ein Ausdruck des Staunens: „Beeindruckend, nicht wahr?“