Architektur Galerie Berlin

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Süddeutsche Zeitung Schaut auf diese Kiste!

Günter Kowa

Niemals müde werden die Initiatoren der geplanten temporären Kunsthalle „White Cube“, für die Berliner Kunstszene eine neue Ära vorherzusagen. Ein „Schaufenster für die Künstler Berlins“, ein „Raum, in dem sich künstlerische Experimente vor den Augen des Publikums entfalten“ soll die holzgezimmerte, mit Gipsplatten verschalte Schuhschachtel sein, die am Schlossplatz entsteht – und dort bleiben soll, bis um 2010 die Bagger für das „Humboldt-Forum“ anrücken.

Vorerst muss man den beiden Kuratorinnen und dem vierköpfigen Beirat viel Aufbruchsstimmung zugutehalten. Dass sie aber den 50 Meter langen und elf Meter breiten Bau schon von außen mit unübersehbarer Signalwirkung ausstatten wollen, zeigt, dass sie es ernst meinen. Erst recht der Hauptsponsor, der Berliner Sammler Dieter Rosenkranz und Begründer der „Stiftung Zukunft Berlin“, die die „Hauptstadt-Reden“ und andere gehobenen Events staatsbürgerlicher Bildung organisiert.

850.000 Euro stellt die Stiftung für den Bau zur Verfügung, vom Senat gibt es nur die Betriebsgenehmigung. An der Nordostecke des Platzes soll er stehen, gegenüber vom schwindenden Stahlskelett des Palasts der Republik und in antipodischer Nachbarschaft zur geplanten „Info-Box“ des Humboldt-Forums. Der österreichische Architekt Adolf Krischanitz hat den Kubus entworfen und sieht ihn auch als ebendies – innen wie außen als Spiel- und Projektionsfläche für die Kunst. Mit der Aufgabe kennt er sich aus: Die neue Kunsthalle in Wien ist sein Werk, und in Berlin ist er als Kunsthochschulprofessor mit der Szene der Metropole verwoben.

Die Kuratoren hoffen darauf, genügend Geld zu sammeln, um die Besucher im gleichen vierteljährigen Wechsel wie die Ausstellungen mit einer immer wieder neuen Außenpräsentation zu überraschen. Im luftigen „Werkraum“ der Architektur-Galerie Berlin an der Karl-Marx-Allee stellt Inhaber Ulrich Müller jetzt acht Entwürfe zur Diskussion. Und da zeigt sich, dass es die Berliner Szene selbst ist, die sich die Idee zu eigen macht und vorantreibt.

Nicht nur gehört Müller mit Krischanitz zu den ursprünglichen Impulsgebern. Beide waren es auch, die die beteiligten, sämtlich in Berlin tätigen Künstler zur Mitarbeit motiviert und dabei sogar auf breite Streuung der zugehörigen Galerien geachtet haben. Keiner bekommt ein Honorar, und es gibt auch keine Zusage, dass die Entwürfe verwirklicht werden. Den Autoren wird aber die mediale Aufmerksamkeit als Ausgleich mehr als genügen, selbst wenn einige von ihnen schon längst etabliert sind.

Dazu gehört auch Gerwald Rockenschaub, dessen „Wolke“ bei der ersten Präsentation im Oktober vergangenen Jahres wohlwollendes Raunen erregte. Der Neo-Pop-Künstler, bekannt für seine Collagen aus leuchtend bunten Folien, wandte diese Technik effektvoll für den großen Freilichtauftritt an. Aber zugleich war es eine Anspielung auf den damals unterlegenen, weil zehnmal teueren Konkurrenzentwurf zu einer Kunsthalle in Form einer Wolke.

Die Berliner werden sich aber kaum noch erinnern, und Rockenschaubs grob gepixelten Kumulus nur noch als hübsches Motiv, nicht als Ironie ansehen. Auf wirkungsmächtigen Blickfang versteh sich aber auch andere Kollegen prächtig – etwa der mit dem Namen „Tal R“, der das starke graphische Element seiner blockhaft figürlichen Malerei herausgefiltert und eine Art abgenutztes streifiges Geschenkpapier um die Box gewickelt hat. Der Neo-Modernist Anselm Reyle nimmt seine glänzende Alufolie und zerknautscht sie hinter einer Plexiglaswand, die wiederum mit einer regenbogenfarbigen irisierenden Folie überzogen ist. Nicht zimperlich ist auch Franz Ackermann, der mit seiner neo-kubistischen Farbkomposition die Kuratoren in Verlegenheit bringt, weil er gegen ihre erklärten Prinzipien Werbefläche etwa für Fluglinien bereitstellen will.

Ähnlich zeichenhaft, aber kunstimmanent bleibt Olav Christopher Jensen, der optisch verwirrende Tiefenräume gestaltet, während Corinna Wasmuth computergenerierte Bewegungsstudien an Verkehr und Straße erinnern soll. Nicht finanzierbar dürfte Valérie Favres Vorschlag sein, der die Kunsthallen-Idee auf ihre Konsequenz prüft, indem sie zu einem „Drive-in“ entwickelt wird: Autos fahren auf einer Rampe aufs Dach und an iglu-artigen Video-Kojen vorbei.

Dagegen hat Olaf Nicolais Entwurf einer „Glasperlendecke“ vermutlich Chancen, zuerst an die Reihe zu kommen. Verwoben in ein leichtes Drahtgeflecht soll ein Mantel aus großen Kunststoffperlen die Box verhüllen und zugleich betonen und dabei aus Hunderten Leuchtdioden in die Nacht hinein blinken – die für die Berliner Künstler mit ihrem spektakulären Showroom auf lange Sicht vorbei sein wird.