Architektur Galerie Berlin

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Mitteldeutsche Zeitung Weißer Kasten in buntem Kleid

Günter Kowa

Nicht, dass es in Berlin nicht schon überall Kunst jeder Couleur zu sehen gäbe. Aber die geplante „Temporäre Kunsthalle“ schürt nun doch hohe Erwartungen, nicht zuletzt unter der kosmopolitischen Schar der in der Stadt tätigen Künstler. Ihrem Schaffen soll der „White Cube“ gewidmet sein, der die Brache am Schlossplatz zieren und die zwei oder drei Jahre bis zum Baubeginn an der „Humboldt-Forum“ genannten Stadtschloss-Replik stehen bleiben soll. Und zwar dem Ort gegenüber, wo das ausgeweidete Skelett des Palasts der Republik Stahlträger für Stahlträger demontiert wird.

Wille zum Zeichen

Ganz weiß muss man sich den Kubus zumindest außen nicht mehr vorstellen. Das hat der Architekt und Projekt-Mitbegründer Adolf Krischanitz, der in Wien bereits eine Kunsthalle gebaut hat, schon klar gemacht, als sein Projekt im Oktober vergangenen Jahres dem Senat vorgestellt wurde. Die Politiker hatten einen konkurrierenden Entwurf in Form einer Wolke zur Auswahl, der viel Anklang fand, aber gut zehn Millionen Euro gekostet hätte. Krischanitz‘ simpler Schuhkarton benötigte nur ein Zehntel davon. Und der Künstler Gerwald Rockenschaub schlug vor, die Box zum Trost mit einer gepixelten „Wolke“ zu bemalen. Nun soll es dabei nicht bleiben. In der Berliner Kunstszene scheint man gewillt, mit der Kunsthalle ein unübersehbares Zeichen zu setzen.

Der Einladung des Inhabers der Architektur-Galerie „Werkraum“ an der Karl-Marx-Allee, Ulrich Müller, sind acht Künstler gefolgt, die weitere Entwürfe für die Außenpräsentation der Box lieferten – samt und sonders unentgeltlich. Müller ist wie alle Initiatoren der „White Cubex“ auf Sponsoren angewiesen. Der Mäzen und Kunstsammler Dieter Rosenkranz spendete mit seiner „Stiftung Zukunft Berlin“ insgesamt 850 000 Euro für den Bau des holzgezimmerten, plattenverschalten Kastens. Jetzt hofft man, genug Geld zusammenzubekommen, um im Gleichschritt mit den Ausstellungen in vierteljährlichem Wechsel auch immer wieder ein neues Bild nach außen abzugeben.

Das läge ganz im Sinne der beiden Ideengeberinnen und Kuratorinnen, Constanze Kleiner und Coco Kühn – letztere im übrigen eine Absolventin der halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Denn ihr „Ort des Sehens“ will die derzeit ungemein lebendige Kunstszene Berlins von diesem festen Ort aus weit in die Öffentlichkeit der Hauptstadt hineintragen.

Was von der Vorstellung überlebt, dass sich „künstlerische Experimente unter den Augen des Publikums entfalten“, wird sich nach der Eröffnung des White Cube im Herbst zeigen. Auf jeden Fall wird mit den Entwürfen der Rückhalt aus der Künstlerschaft deutlich.
Die Leidenschaft an der Sache selbst erweist sich ja nicht nur am Honorarverzicht, sondern auch in der Bildfreude der Entwürfe. Dafür waren Künstler wie Franz Ackermann oder Anselm Reyle prädestiniert, die jeder auf ihre Weise die Moderne in farbkräftigen Adaptionen wiederaufleben lassen.

Ackermann zieht ein kubistisches Muster über die Fläche, die er teilweise sogar für Werbung freigeben will, sofern sie sich farblich anpasst. Reyle legt eine irisierende Folie auf eine Plexiglasfront, hinter die er zerknautschte Alufolie presst. Corinne Wasmuths computergenerierte Arbeit nimmt das Motiv verwischter Bewegung auf, der Künstler namens „Tal R“ hüllt die Box in gestreiftes, scheinbar abgenutztes Geschenkpapier. Olav Christopher Jenssen wiederum entwickelt die Fläche mit grafischen Perspektivwechseln in die Tiefe.

Mantel aus Bällen

Kaum Chancen auf Realisierung hat der Vorschlag von Valerie Favre, die auf der Box eine „Drive-In-Galerie“ einrichten will, wo Autos an igluförmigen Video-Kojen vorbeifahren. Dagegen würde es nicht überraschen, wenn Olaf Nicolais Entwurf als erster realisiert würde: Er legt einen Mantel von Glasbällen aus Kunststoff über die Schachtel und lässt sie aus Leuchtdioden blinken. Auch bei Nacht würde so niemand die Halle übersehen.